Ihr Partner ist depressiv und deswegen denken Sie an Trennung?
Diese 5 Fragen sollten Sie sich stellen, bevor Sie eine Entscheidung treffen
Aktualisiert am 6. April 2021
In diesem Blogartikel habe ich 5 Fragen für Sie zusammengestellt, die Sie sich stellen sollten, wenn Sie wegen Depressionen in Ihrer Beziehung an Trennung denken.
Ich gebe hier ausdrücklich keine Ratschläge. Auch ist das hier kein Test nach dem Motto "wenn Sie 2 von 3 Fragen mit ja beantworten, sollten Sie sich trennen - oder zusammenbleiben". Mir geht es darum, Gedankenanstöße zu geben. Und Sie zu ermutigen, sich auch mit dieser Frage einmal bewusst auseinanderzusetzen, vor allem, wenn Sie merken, dass sie sich klammheimlich schon in Ihre Gedanken geschlichen hat. Mein wichtigster Appell: Tragen Sie diese Gedanken nicht alleine mit sich aus. Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie alleine nicht mehr weiterkommen.
Diesen Blogpost kannst du auch als Podcast hören, und zwar hier:
1. Können Sie akzeptieren, dass die Depression eine schwerwiegende Erkrankung ist? Und sind Sie ausreichend über das Krankheitsbild informiert?
Nein, es ist nicht leicht, mit einem Menschen zusammen zu leben, der depressiv erkrankt ist. Die Depression ist ja auch ganz schön heimtückisch - der Erkrankte ist mitunter nicht wiederzuerkennen. Das geht den Betroffenen übrigens genauso.
Auch sie können oft gar nicht nachvollziehen, warum sie plötzlich so anders sind:
- nichts mehr für andere Menschen empfinden können
- zu nichts mehr Lust haben
- sich leer und ausgelaugt fühlen und warum selbst der kleinste Handgriff wie eine unüberwindbare Schwierigkeit erscheint
Das ist die Krankheit!
Nicht nur Ihre, sondern auch die erste Aufgabe des/der Erkrankten ist es also, zu akzeptieren, dass wir es hier mit einer Erkrankung zu tun haben. Und zwar mit einer wirklich ernsten, schwerwiegenden Erkrankung.
Wenn es Ihnen gelingt, dies zu akzeptieren, ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Er kann Ihnen dabei helfen, Ihre Trennungswünsche noch einmal nüchtern zu überdenken.
Das mit dem Akzeptieren ist ja leicht dahin gesagt, ich weiß.
Mir geht es immer so: Je mehr ich über eine Sache in Erfahrung bringe, desto leichter wird es, damit umzugehen. Sie werden also nicht drum herum kommen: Informieren Sie sich so gut wie möglich über Depressionen. (Dazu habe ich übrigens schon mal einen Blogpost geschrieben, den Sie hier lesen können: Depressionen erkennen)
Für Ihre Internetrecherche empfehle ich Ihnen außerdem die Seiten der
Deutschen Depressionshilfe
und der
Deutschen Depressionsliga
Auch Ihr Hausarzt kann Sie informieren oder Sie stöbern mal im Buchhandel. Dabei kann ich Ihnen ein Buch besonders empfehlen:
"Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" von Benjamin Maack.
Der Autor ist selbst an Depressionen erkrankt und hat mehrere schlimme Phasen dieser Erkrankung durchlebt. Ich finde sein Buch besonders für Angehörige sehr hilfreich, weil er in kurzen tagebuchartigen Abschnitten einen Blick in die Innenwelt der Erkrankung gibt. Erschienen ist das Buch im Suhrkamp Verlag. (Als Fan des lokalen Buchhandels...empfehle ich Ihnen, das Buch dort zu beziehen 😉 )
Gut informiert zu sein, ist der beste Weg zum besseren Umgang mit der Situation. Und kann dabei helfen, geduldiger zu werden - etwas, was jetzt echt gefragt ist.
2. Klingt vielleicht trivial, dennoch: lieben Sie Ihren Partner noch?
Schauen wir doch mal gemeinsam drauf:
Sie würden vermutlich nicht an Trennung denken (und diesen Blogpost hier lesen), wenn Sie nicht an einem bestimmt Punkt angelangt wären. Vielleicht denken Sie so etwas wie "ich hab alles versucht, aber ich kann nicht mehr". Das heißt wahrscheinlich nicht, dass Sie Ihren Partner nicht mehr lieben. Die allermeisten meiner KlientInnen versichern mir übrigens, wie sehr sie ihre PartnerInnen lieben und wie verzweifelt sie sind, ihnen nicht helfen zu können.
Wenn es auch Ihnen so geht, brauchen Sie sich diese Frage nicht zu stellen.
Wenn es mit Ihren Gefühlen gegenüber Ihrem Mann oder Ihrer Frau aber möglicherweise schon länger nicht mehr so positiv aussieht, dann stellen Sie sich offen und ehrlich Ihrer eigenen Gefühlslage. Hat sich die Liebe womöglich schon vor Ausbildung der Depression leise verabschiedet? Ist Ihre Beziehung schon länger eher ein Nebeneinander als ein Miteinander? Auch ohne die Depression?
Wenn die Liebe geht, ist es Zeit, mit sich selbst und dem anderen ehrlich zu sein!
Vorsicht: Nicht falsch verstehen! Ich sage damit nicht, es ist Zeit zu gehen.
Doch Sie sollten sich als Paar eine Chance geben, gemeinsam hinzuschauen. Wie ist es um Ihre Liebesbeziehung bestellt? Und welche Möglichkeiten gibt es, die Liebe wieder zu wecken? Oder sie zu beenden?
Wenn Depressionen im Spiel sind, steckt darin leider auch eine echte Krux. Denn ein depressiver Mensch hat ja gerade das Problem, Liebe nicht empfinden zu können. Bei dieser Reflexion könnten Sie also ganz alleine dastehen. Nicht schön. Und dennoch wichtig, diesen Weg zu gehen.
Reflektieren Sie also mindestens für sich: Ist da noch Liebe? Erinnere ich mich gerne an schöne gemeinsame Zeiten, bevor diese sch.... Erkrankung sich breit gemacht hat? Oder muss ich mir selbst eingestehen, dass das mit der Liebe schon länger nicht mehr stimmt?
Sie sollten das für sich klar haben. Vor allem, bevor Sie nächste Schritte einleiten und gegebenenfalls den Weg der Trennung gehen.
Hierzu mein Tipp: Holen Sie sich Unterstützung bei dieser Reflexion. Es hilft, wenn ein/e Außenstehende/r mit Ihnen gemeinsam Ihre Gedanken und Gefühle sortiert. Wenn Sie mögen sprechen Sie auch mich dazu gerne an.
3. Gibt es oft Streit und wie gehen Sie damit um?
Konflikte gibt es in jeder Beziehung. Völlig normal, dass zwei Menschen, auch wenn sie sich lieben und gut verstehen, im Alltag immer mal wieder ihren gemeinsamen Weg ausloten müssen.
Doch hat sich, seitdem die Depression sich in Ihrer Beziehung breit gemacht hat, etwas verändert? Verschärft? Gibt es Aggressionen oder Streit statt Konfliktklärung?
Wenn Sie "vorher" eine gute Kommunikation hatten und über Konflikte und Ihre jeweiligen Bedürfnisse miteinander reden konnten, haben Sie eine gute Basis. Wahrscheinlich macht die Depression es jetzt trotzdem schwer oder sogar unmöglich, so wie früher miteinander zu sprechen. Besonders wenn der Umgang miteinander nun gereizter ist und es öfter zu Streit kommt.
ABER:
Ich möchte Sie wirklich ermuntern, deswegen nicht zu verzweifeln. (Ich weiß, das klingt einfacher als es ist).
Überlegen Sie mal, ob Sie einen anderen Weg finden, wenigstens für die einfachsten Dinge Absprachen zu treffen. Zum Beispiel, dass Sie über die Erkrankung mit Ihren Freunden sprechen dürfen. Dass Sie aus der Depression kein Geheimnis machen müssen. Dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse äußern und auch mal sagen zu dürfen, wie frustriert Sie gerade sind. Ihre gemeinsame Basis ist Ihr Schatz, der Sie gemeinsam durch diese schwierige Zeit tragen kann.
Selbst in Zeiten wie jetzt, in denen dieses Fundament ordentlich durchgerüttelt wird, sollten Sie versuchen, darauf zu vertrauen, dass diese Basis noch da ist. Sie können sich darauf besinnen, dass es da etwas gibt - oder bisher gab - auf das Sie sich miteinander immer verlassen konnten. Das bezieht sich übrigens auch auf Frage 2 - die Frage nach der gemeinsamen Liebe.
Bei manchen Menschen führen Depressionen zu einer erhöhten Aggressivität.
Wichtig zu wissen: Sie müssen sich niemals gefallen lassen, angeschrien zu werden. Sagen Sie ruhig so etwas wie "Stopp - ich möchte nicht, dass wir so miteinander umgehen".
4. Können Sie akzeptieren, dass Ihr Partner keine Lust mehr hat, mit Ihnen etwas zu unternehmen?
Wie ich schon in anderen Blogartikeln (zum Beispiel hier: Depressionen erkennen) angedeutet habe, ist ein ausgeprägtes Gefühl von Schwere und innerer Leere ein sehr häufiges Kennzeichen der Depression. Depressiv erkrankte Menschen können sich häufig kaum aufraffen, morgens überhaupt aufzustehen. (Das ist nicht bei allen Menschen mit Depressionen so, es ist aber ein typisches Symptom). Geschweige denn schaffen sie es, an Aktionen teilzunehmen, die ihnen früher eigentlich Spaß gemacht haben.
Von außen sieht das dann aus wie Trägheit, Lustlosigkeit und schlechte Laune.
Wenn Depressionen in einer Beziehung vorkommen, ist diese Motivationslosigkeit etwas, das für den gesunden Partner besonders schwer auszuhalten ist.
Je besser Sie nun Ihr eigenes soziales Umfeld gepflegt haben, je besser Sie akzeptieren, dass Depressionen eine Krankheit sind und das alles kein böser Wille ist, desto leichter könnte es Ihnen fallen, ab und zu etwas ohne den Partner (oder die Partnerin) zu unternehmen. Beziehungen, die durch Depressionen belastet sind, verändern sich. Das tun Beziehungen ohne Depressionen aber auch.
Wenn Sie das akzeptieren können, wird es viel leichter sein, mit den Widrigkeiten der Erkrankung umzugehen. Vielleicht entdecken Sie sogar neue Dinge für sich? Vielleicht ist das auch die Chance für eine neue Form der Autonomie?
Und: es muss nicht ewig so bleiben. Depressionen sind behandelbar!
5. Ist Ihr Partner in Therapie oder ist das überhaupt keine Option?
Das Thema Therapie ist in vielen Beziehungen, in denen ein Part depressiv ist ein echt heißes Eisen. Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Angehörige mir berichten "mein Partner will keine Hilfe"? Es sind echt viele! Was Sie überhaupt tun können, wenn das der Fall ist, habe ich in dem Blogartikel: "Wenn der Partner keine Therapie möchte" zusammengefasst.
Wenn Ihr Partner eine Therapie macht, können Sie erstmal ein bisschen aufatmen. Viele Fragen, die Sie sich wahrscheinlich zu Ihrer Beziehung stellen, werden auch Thema in der Therapie des Partners sein. Früher oder später. Die meisten Menschen, die sich an mich wenden, empfinden das als unglaublich entlastend. Und noch was: Die Therapie wird ja irgendwann anfangen zu wirken und damit sollte es bergauf gehen. Hier ist zwar immer noch viel Geduld gefragt, aber ein Anfang ist gemacht. (Depressionen sind gut behandelbar und auch heilbar! Halten Sie sich das immer vor Augen!)
Wenn Ihr Partner eine Therapie verweigert oder immer wieder Therapien abbricht, wird die Sache schon deutlich schwieriger. Erlauben Sie sich in solch einer Situation darüber nachzudenken, ob und wie es für Sie weitergehen kann. In meinem Blogartikel "Wenn der Partner keine Therapie möchte" gebe ich Ihnen auch ein paar Hinweise dazu, wie Sie es ansprechen können, wenn Sie nicht mehr so weitermachen möchten.
Vielleicht können Sie es aber auch akzeptieren, dass eine Therapie (momentan) nicht in Frage kommt. Tatsache ist zwar: Je früher eine Therapie begonnen wird, desto besser kann sie greifen. Dennoch - manchmal brauchen Betroffene eine Weile, bevor sie akzeptieren können, dass sie krank sind und Hilfe brauchen. Entscheiden Sie jedoch für sich, wie Sie damit umgehen möchten. Wenn Sie da Hilfe brauchen, sprechen Sie mich gerne an!
Liebe LeserInnen,
Wenn Sie meine Hilfe wünschen, biete ich Ihnen gerne folgendes an:
Sie buchen eine Therapiestunde bei mir. Entweder in meiner Praxis oder wenn Sie nicht in der Nähe wohnen vereinbaren wir einen Online-Termin. Eine Therapiestunde kostet 95 Euro und dauert 60 Minuten.
In beiden Fällen nehmen Sie bitte mit mir Kontakt auf. Herzlichen Dank! Ich freue mich, wenn ich Ihnen helfen kann.
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